Simon Franko: Wenn Deutschlands BIP um zwei Prozent sinkt, sinkt das kroatische um das Dreifache

BASF ist das größte deutsche Chemieunternehmen und ein führendes Unternehmen in der chemischen Industrie, das in mehr als 90 Ländern vertreten ist und weltweit ungefähr 110.000 Mitarbeiter beschäftigt. Seit 1990 ist BASF in Kroatien und den Nachbarländern tätig, und der Geschäftsführer für Slowenien, Kroatien und Serbien ist Simon Franko, der seine Karriere bei BASF in zahlreichen Positionen seit 23 Jahren aufbaut. Wir unterhielten uns über die Geschäftsergebnisse von BASF, die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland auf das Geschäft, die Abhängigkeit von importiertem Gas.

Welche Geschäftsergebnisse hat BASF im vergangenen Jahr erzielt?

Obwohl 2020 aufgrund der wirtschaftlichen Gesamtsituation auf globalem Niveau recht schwierig war, verlief 2021 für BASF sehr gut. Wir haben 78 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, das ist ein erstaunliches Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Ergebnisse in der Region waren rekordverdächtig. Die Nachfrage war auf einem sehr hohen Niveau, also beschäftigten wir uns mit der Frage, wie man die von den Kunden gewünschten Mengen produzieren und liefern kann. Die Preise sind stark gestiegen und damit auch unser Umsatz. Auch mengenmäßig sind wir gewachsen. Andererseits sind aber auch unsere Kosten gestiegen, insbesondere durch die stark gestiegenen Energiepreise. Die chemische Industrie, die Substanzen von einer Form in eine andere umwandelt, ist intensiv und verbraucht enorme Mengen an Energie.

Kürzlich warnte Ihr Vorstandsvorsitzender sehr eindringlich vor den Folgen für das Geschäft europäischer Unternehmen bezüglich der Sanktionen gegen Russland, einschließlich BASF, und sagte, dass diese Entscheidungen ziemlich übereilt und leichtsinnig getroffen wurden. Glauben Sie, dass diese Entscheidungen das Geschäft von BASF und anderer europäischer Unternehmen ernsthaft gefährden können?

Da die ganze Welt unser Markt ist, werde ich sehr offen und klar sein. Wir müssen uns bewusst sein, wie viele Menschen in der Ukraine wegen dem Krieg leiden. Es ist auch bekannt, dass Staatsmänner das geringste Problem mit der Einführung von Sanktionen haben, was bei den Bürgern nicht der Fall ist. Leider sind Sanktionen die einzige Möglichkeit, die Regierung, die eine Militärinvasion ausführt, abzusetzen. Doch die wirtschaftlichen Folgen können sehr ernsthaft sein. Russland deckt 55 % des deutschen Erdgasverbrauchs, und wenn dieser Austausch ganz zum Erliegen käme, würde das viel kosten. Wenn es kein Gas gibt, keine Chemikalien, keine Materialien und keine Rohstoffe, keine Produktion und Produkte, gibt es auch keinen Green Deal. Hohe Arbeitslosigkeit wäre die Folge, und viele europäische Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, würden bankrott gehen. Dies wiederum könnte die europäische Wirtschaft in die schlimmste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs stürzen. Ich verrate nichts Neues, wenn ich sage, dass die kroatische Wirtschaft stark von der deutschen abhängig ist. Wenn beispielsweise Deutschland einen Rückgang des BIP um zwei Prozent verzeichnet, droht Kroatien ein mindestens dreifacher Rückgang.

Hat die EU angemessen reagiert? Werden gute Entscheidungen getroffen?

Tatsache ist, dass die russische Gaslieferungen die Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie waren, und jetzt werden beispielsweiße Flüssiggaslieferungen aus den USA deutlich höhere Energiepreise verursachen. Ich bin mir nicht sicher, wie real das Szenario des Verzichts auf das russische Erdgas ist. Aktuell läuft die Kampagne „Freaze for Peace“, die alle Verbraucher dazu aufruft, die Heizung um zwei Grad zu reduzieren, um Ersparnisse zu erzielen. Es ist naiv zu glauben, dass diese Sparmaßnahmen tatsächlich helfen werden. Auch wenn wir die Preisfrage beiseite lassen, bleibt das Problem der unzureichenden oder nicht verfügbaren Energieträger bestehen. Es gibt derzeit keine Alternative. Dennoch kann die aktuelle Lage weiterhin als stabil bezeichnet werden. Besonders kritisch ist die Situation bei Düngemitteln, wo aufgrund der rekordhohen Gaspreise eine Preiserhöhnung erwartet wird. Außerdem ist Russland der weltweit größte Produzent und Exporteur von Düngemitteln.

Welche strategischen Ketten sollte die EU entwickeln?

Meine Antwort ist immer eine innovationsbasierte Industrie. Sie ist die Säule der Wirtschaft, da sie neue hochwertige Arbeitsplätze schafft, Einnahmen für Gesundheit, Sozialversicherung und Renten bringt. Die innovationsbasierte Industrie weckt vor allem das Interesse an Wissenschaft und Innovation, bringt zur Entwicklung des Wissens der Gesellschaft, Steuern und Widerstandsfähigkeit im Falle von Unruhen bei, die wir in letzter Zeit erleben, von der Kronenkrise bis zum Krieg in der Ukraine. Kroatien ist ein wunderschönes Land, wie die gesamte EU. Aber wir müssen uns entscheiden, ob wir schöne Länder haben wollen, Reiseziele für zum Beispiel Amerikaner oder Chinesen oder Länder, in denen wir arbeiten können. Europa ist langsam und schon lange nicht mehr führend in der Weltwirtschaft. Die Industriebranche wird nicht genügend geschätzt. Aufgrund der zahlreichen Gesetze und der mühsamen Bürokratie ist es extrem schwierig, etwas zu planen oder langfristige Entscheidungen zu treffen. Europa mangelt es an strategischer Autonomie, von der Versorgung mit Energie, Lebensmitteln, Pharmazie und der Chemie, aus der alle Rohstoffe stammen. Im Zeitalter der Digitalisierung haben wir plötzlich die Wichtigkeit von Halbleitern entdeckt. In einem durchschnittlichen Auto befinden sich etwa 1.400 davon, nicht zu vergessen sind Computer, Fernseher und Smartphones. In diesem Fall sind wir alle von Taiwan abhängig. Genau das ist diese strategische (Un)Autonomie, die ich erwähnte. Die EU will ihre Kapazitäte erhöhen, aber das ist gar nicht so einfach. Milliarden müssen investiert, Menschen mit Wissen gefunden, Fabriken gebaut und Rohstoffe bereitgestellt werden, denn für die Herstellung von Halbleitern werden rund tausend verschiedene Chemikalien benötigt. Einige Rohstoffe sind verfügbar, andere reichen nicht aus oder können giftig sein. Die EU hingegen arbeitet an Gesetzen, um ihre Verwendung und Produktion zu verbieten, ohne wirklich zu berücksichtigen, was eine echte Gefahr für Mensch und Umwelt darstellt. China hingegen vermietet strategische Rohstoffe in die ganze Welt, sogar in Europa. Dies ist nur ein Beispiel, das speziell die Automobilindustrie betrifft.

Ist in Zukunft mit einem Mangel zB an Schutzmittel zu rechnen? Welche Folgen wären möglich?

Das ist schwer vorherzusagen, aber ich glaube, dass es stark davon abhängen wird, wie sich die Situation mit der globalen Wirtschaftskrise weiterentwickeln wird.

Wie stark sind die Preise für Pflanzenschutzmittel im Durchschnitt gestiegen und wie hat sich dies auf die Saat ausgewirkt?

Die Preiserhöhung war stabil, einige Preise blieben gleich. Die Saat wird warscheinlich von den Preisen anderer Inputs abhängen.

Inwieweit haben die Krise, der Krieg in der Ukraine und einige andere ungünstige Umstände die Aktivitäten von BASF in Slowenien, Kroatien und Serbien beeinträchtigt?

Wir sind offiziell ganz am Anfang der Saison und wir erwarten ein weiteres erfolgreiches Jahr. Die Nachfrage nach unseren Pflanzenschutzmitteln ist im ersten Quartal auf einem beneidenswerten Niveau. Im Bezug auf andere Bereiche unseres Geschäfts ist es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh die Konsequenzen abzuschätzen.

Wie können die EU und europäische Unternehmen eine sichere Energieversorgung gewährleisten? Wie geht BASF mit diesem Problem um?

Die chemische Industrie ist mit 15 % der größte industrielle Gasverbraucher. Etwa zwei Drittel werden für die Stromerzeugung und Dampfspeicherung und der Rest wird als Eingangsrohstoff für die Produktion aufgewendet: für die Automobilindustrie, Elektronik, Kosmetik und Hygiene, Pharmazeutika, Pflanzenschutzmittel etc. Aus Gas wird Ammoniak hergestellt, eine der wichtigsten Grundchemikalien der Welt. Aus Ammoniak gewinnen wir Düngemittel, AD Blue, Lösungsmittel, Medikamente. Es ist ein fester Bestandteil von Tierfutter und anderen Lebensmitteln und die Basis für Acetylen. Acetylen hingegen ist ein Rohstoff für Medikamente, hochelastische Textilien, die Herstellung von Farben und Lacken, Folien, Klebstoffen, aber auch Methacrylat, aus dem der Zahnarzt einen neuen Zahn macht. Eine deutliche Verringerung der Abhängigkeit von Energie aus Drittländern kann nur durch eine erhebliche Elektrifizierung industrieller Prozesse erreicht werden. Aber das ist keine leichte Aufgabe. Beispielsweise verbraucht das BASF-Werk Ludwigshafen in Deutschland, das als größtes Chemiewerk der Welt gilt, selbst einen Prozentsatz von 6 TWh des deutschen Strombedarfs. Um ihren Bedarf an erneuerbarer Energie zu decken, setzt BASF auf eine Make-and-Buy-Strategie. Dazu gehören Investition in eigene erneuerbare Energieanlagen und der Kauf von grüner Energie von Dritten.

Mogu li ti poremećaji utjecati na proces smanjenja emisija CO2? Mnogi misle da je EU politika u tom dijelu previše radikalna.

Das können sie, weil die instabile Situation in der Welt die Notwendigkeit unseres Übergangs nur noch beschleunigt. Einigen Schätzungen zufolge könnten wir in vier bis fünf Jahren den Übergang von russischem Gas zu anderen Energiequellen schaffen, aber die Frage ist, wie schwierig dieser Übergang wäre. Vorerst bedeuten zusätzliche Sanktionen gegen Russland einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und einen Verlust von Arbeitsplätzen in der EU.

Unter den politischen Zielen der Europäischen Kommission ist eine der Prioritäten der Green Deal: Wie können diese Ziele erreicht werden?

BASF unterstützt die Ziele des Green Deals. Wir wollen Emissionen reduzieren, Zirkularität, Innovation, Wirtschaftswachstum und andere Werte erreichen, die für die Gesellschaft und die Umwelt wichtig sind. Der anspruchsvollste Plan ist sicherlich der Übergang zu grün und digital. Gleichzeitig verlangen neue Technologien noch mehr von der chemischen Industrie in der EU. Dies sind zwei zusätzliche Transformationen. Die erste ist Null Toxizität, begleitet von einem Verbot von Chemikalien mit bestimmten Eigenschaften, und die zweite ist der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft – was eine rationellere Verwertung und Nutzung von Abfallstoffen bedeutet. Ohne eine starke chemische Industrie und Innovation wird eine Kreislaufwirtschaft sicherlich nicht möglich sein.

Wovon hängt die Erreichung dieser Ziele ab?

Za ispunjenje Zelenog plana potrebna je napredna kemija, koja će biti prisutna u svakom segmentu našeg života. Kemija i kemijski procesi razvijaju i implementiraju nove tehnologije kao što su procesi recikliranja otpada, proizvodnja katalizatora za smanjenje emisija, baterije za e-mobilnost, solarne elektrane, proizvodnja zelenog vodika i skladištenje CO2. Gotovo svakom lancu vrijednosti – od solarnih panela, baterija, električnih automobila, vjetroturbina, hidrogena do izolacije zgrada – potrebni su proizvodi koje isporučuje kemijska industrija. Uzmite samo u obzir ovaj podatak: 46 od 47 mjera Zelenog plana odnosi se na kemijsku industriju, a sve se rješava usporedno bez jasnih prioriteta i posljedica. Ne možemo promijeniti sve u dvije, tri godine. To nitko ne može. Neki to  nazivaju ‘fois-gras’ politikom Bruxellesa – industrija se osjeća kao guska u koju hranu guraš i guraš sve dok joj ne pukne jetra. Bez napora kemijskih tvrtki u istraživanju, razvoju i distribuciji održivih proizvoda i tehnologija, uspješna provedba ciljeva klimatske neutralnosti neće biti moguća. Ali industrija se ne čuje dovoljno.

Die Europäische Kommission hat ein großes Ziel: die EU-Wirtschaft bis 2050 nachhaltig zu machen und Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Ist das ein zu anspruchsvoller Plan?

Das ist ein sehr hehres Ziel, daran gibt es keinen Zweifel, auch wenn die Rede über die strategische Notwendigkeit und die technische Machbarkeit ist. Der Fokus liegt auf erneuerbaren Energietechnologien, die Kohlendioxid nicht oder nur in geringen Mengen emittieren. Es ist wichtig, dass wir solche Ziele haben. Für die EU ist dies das sogenannte Man on the Moon “-Projekt. Aber auch hier stoßen wir auf Widersprüche. Beispielsweise haben einige Länder eine CO2-Steuer eingeführt, um die Treibhausgasbelastung besser in die Produktpreise einzubeziehen. Damit würde ein Fonds zur Finanzierung der Übergangszeit eingerichtet werden. CO2-Leckagen kennen jedoch keine administrativen Grenzen, daher müssen viele weitere Länder diese Regelungen annehmen, um Emissionsminderungen sichtbar zu machen.

Welche Konsequenzen wird die Erreichung dieser Ziele haben?

Wichtig ist an dieser Stelle zu verstehen, dass die Vision des Green Deals nicht am grünen Tisch umgesetzt werden kann, sondern nur durch Innovationen, die die Branche selbst leisten kann. All dies wird den EU-Bürgern nicht ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung stehen. Der EU-Umsetzungsfonds für den Green Deal beläuft sich auf etwa 1.000 Milliarden Euro. Andererseits müssen wir uns bewusst sein, dass es sich nicht nur um Kosten handelt, sondern um eine Investition in unsere Zukunft. Einfache neue Technologien, die aus wirtschaftlicher Sicht bestehende Technologien ersetzen würden, noch nicht genügend entwickelt sind. Für ihre Entwicklung sind Zeit, Wissen und finanzielle Ressourcen wichtig.

Wie ist der vor einem Jahr vorgestellte Plan von BASF zur Erreichung der Klimaneutralität?

Das Hauptziel unseres anspruchsvollen Plans ist die vollständige Klimaneutralität bis 2050 mit Zwischenzielen wie der Reduzierung der Kohlendioxidemissionen um 25 % bis 2030. Dies beinhaltet die Einbeziehung erneuerbarer Energiequellen und die Entwicklung CO2-freier Produktionsprozesse in der Chemikalienproduktion mit der Förderung der gesamten BASF-Wertschöpfungskette zur Reduzierung des CO2-Fußabdrucks in allen Branchen.

Welche Investitionspläne hat BASF?

Die größte Investition bis 2030 wird sicherlich die drei-Milliarden-Euro-Investition sein, um die Klimaneutralität zu erreichen. Eine der wichtigsten Technologien, die derzeit von BASF entwickelt werden, sind elektrisch beheizte Dampfspaltanlagen.

Übertragen aus der Zeitschrift Globus am 4. Mai 2022, Journalist: Jozo Vrdoljak